Expertenblog – Neue Autorität: Die Stärken zeitgemäßer Führung

Wie groß ist heute meine Lust an diesem Thema und wie viel davon setze ich schon jetzt um? Simon Brandstätter eröffnet den Workshop mit lebendiger Gruppenarbeit und holt die Trainer dort ab, wo sie jeden Tag stehen: am Fußballplatz, in der Kraftsporthalle, auf der Fahrt zum nächsten Trainingscamp. Mit kreativen Methoden wird ein Thema lebendig und eine Gruppe von sich fremden Menschen schnell vertraut miteinander. Simon Brandstätter, Sportpsychologe und UEFA-Fußballtrainer, nennt das in seinem Handout schlicht „Eine Gedankenreise mit Fachleuten“ und bewirkt damit mehr: „Bis vor fünfzehn Jahren war es klar, dass derjenige die Autorität hat, der in der Hierarchie diese Position einnimmt“, so Simon Brandstätter. Sorgte das aufgenähte Trainerabzeichen am Pullover einst für Respekt, muss man heute Autorität sein, bekommen, haben.

Mit der Zeit gehen. „Im Laufe der letzten Jahre hat sich das Verständnis von Autorität auch im Sport deutlich gewandelt. In diesem Wandel sind viele Athleten empowered, selbstbewusst, eigenverantwortlich, neugierig unterwegs und wollen selbstbestimmt und aktiv Sport betreiben“, schreibt das Institut für Neue Autorität, ina, auf seiner Webseite. Und so sind mehr als 20 Trainerinnen und Trainer der Einladung von Mirjam Wolf und der Sportpsychologischen Koordinationsstelle des Landes Tirol zum Workshop „Neue Autorität – Die Stärken zeitgemäßer Führung“ in das Landessportcenter in Innsbruck gefolgt. Experten aus verschiedenen Sportrichtungen, Altersgruppen und Hintergründen fanden sich zunächst zum Brainstorming. Mit welchen Kindern, Jugendlichen, Eltern, Sportlern, Kollegen hast du es in deinem System zu tun? Welche Typen sind das und wie verhalten sie sich? Simon Brandstätter führt damit bereits das nächste Tool der „Neuen Autorität“ ein: zeitgemäße Führung bedeutet auch zeitgemäß auf die Altersgruppe zu reagieren.

Das sind Kinder und Jugendliche, die starke Charaktere sind und Reibung suchen. Eltern, die sich in den Trainingsablauf einmischen. Der Alltag als Trainer biete viele Dynamiken und Eskalationsprozesse, aus denen man mit den Werkzeugen der Neuen Autorität neue Stärke schöpfen könne. Das verlange auch ein Überdenken der eigen Rolle und werfe die Frage auf: „Wer bin ich als Trainer?“. Nur wer vorlebt wovon er spricht, könne auch andere überzeugen. Wer authentisch ist, wird eher ernst genommen.

Kommunikation ist ein Wort, das mehrfach an diesem Abend fällt. Kommunikation geschieht auf vielen Ebenen, das gesprochene Wort ist nur eine davon. „Unsere Körpersprache verrät mehr über unsere Absichten als uns lieb ist, bewusst eingesetzt kann sie auch in vermeintlich ausweglosen Situationen ein inspirierendes Trainingsumfeld schaffen“, erklärt Simon Brandstätter. Neige ich den Kopf ein bisschen seitlich, vermittle ich dem Kind: alles ist entspannt. Gehe ich auf Augenhöhe schaffe ich eine ausgeglichene Gesprächssituation, nähere ich mich jedoch frontal den rebellierenden Jugendlichen und mit direktem Blickkontakt, steigert das vielleicht die Aggression. Der Sportpsychologe schöpft aus einem Repertoire an Experten wie Samy Molcho, Pantomime und Autor von mehreren Büchern, die sich mit dem Kommunikationsmittel Körpersprache beschäftigen: „Wenn ich gut bei mir bin, mich selber gut spüre, kann mich eine Attacke nicht umwerfen, ich nehme sie als Handlungsfeld.“

Handlungsspielräume eröffnen will Simon Brandstätter gemeinsam mit den Trainern an diesem Abend: „Steige ich in den Machtkampf ein oder nicht, will ich ihn gewinnen oder ein Lernfeld für uns alle schaffen, das sind bewusste Entscheidungen, die ich treffen kann und damit werde ich vom Opfer zum Gestalter.“ Wer sich bewusst entscheidet, verschafft sich also auf natürliche Weise Autorität.

Natürlich gebe es in jedem Team einzelne Charaktere, die mit Widerstand reagieren, ausscheren oder Desinteresse ausdrücken würden. Disziplinierungen führen meistens nicht zum gewünschten Ziel und ob „das ein Auge zudrücken“ wie es im Spitzenleistungsbereich oftmals geschieht, auf Dauer für den einzelnen Sportler und das Team eine positive Entwicklung bewirkt, stellt er auch in Frage. Je besser ein Trainer die einzelnen Charaktere in seiner Mannschaft kennt, desto individueller und situationsbezogener könne er auf den jeweiligen Menschen eingehen. Zeit benennt Simon Brandstätter mehrmals als eines der wertvollsten Güter. Fünf bis zehn Minuten zum Beginn des Trainings in Präsenz zu investieren, schafft ein wohlwollendes Umfeld. Beziehungsarbeit.

Gewaltfreier Widerstand in Tel Aviv. Der Ansatz der Neuen Autorität ist nicht neu, er wurde von Haim Omer in den 1990er Jahren in Tel Aviv entwickelt, zunächst vor dem Hintergrund des Gewaltfreien Widerstandes. Nachdem er in vielen Ländern angewendet worden war, zeigte sich rasch, dass es nicht nur um Widerstand geht. Die Beziehung zwischen den Menschen und deren Gestaltung wurde schon bald zu einem weiteren wesentlichen Arbeitsauftrag. Erst ein Jahrzehnt später wurde dafür der Begriff „Neue Autorität“ geformt und damit ein Handlungskonzept das heute in Führungsebenen von Unternehmen, in Schulen und Familien geprobt wird.

Dafür lohnt es sich am Anfang Zeit zu investieren also „das Eisen zu schmieden solange es noch kalt ist“, bestärkt Simon Brandstätter die Skeptiker, die hinter dem neuen Ansatz einen größeren Arbeitsaufwand sehen. Die Geduld, die man mit sich selber übt, lohne sich doppelt: habe ich die neuen Handlungsmöglichkeiten verstanden und in meinen Trainingsalltag integriert, spare ich letztlich Zeit. Im besten Fall wird das Handlungskonzept zur Lebenshaltung, die über den Fußballplatz hinaus wirkt. Kinder und Jugendliche, die in den Sportvereinen aktiv sind, sind bereit dafür.

Sich durch Transparenz und Bündnisse stärken. Fängt man an sein Verhalten als Trainer zu verändern, kann man sich als Einzelner schon mal verloren fühlen. Simon Brandstätter rät sich nach Gleichgesinnten umzuschauen, auf Vereinsebene aber auch auf Elternebene. Allein schon das Ausdrücken der neuen Haltung in der Vorstandsebene im Verein und gegenüber den Eltern, kann Wohlwollen im besten Fall Unterstützung auslösen. Das Institut für Neue Autorität sieht sich hier auch als Coaching-Plattform.

Die vier zentralen Werte der Neuen Autorität lauten:
• Schutz und Sicherheit
• Respekt und Wertschätzung
• Beziehung
• Entwicklung und Potentiale

Den nächsten Workshop der Reihe „Sportpsychologie“ wird im Juni 2020 stattfinden. Weitere Informationen und Beratung zum Thema „Neue Autorität im Sport“ gibt es unter www.neueautoritaet.at

Zur Person: Simon Brandstätter, ist Klinischer und Gesundheitspsychologe, Sportpsychologe, Arbeitspsychologe, Systemischer Coach für Neue Autorität, UEFA B-Lizenz als Fußballcoach.

Weiterführende Literatur:
Wachsame Sorge. Wie Eltern ihren Kindern ein guter Anker sind. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016
Stärke statt Macht. mit Arist von Schlippe. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012

In der Neuen Zürcher Zeitung zum Nachlesen: Haim Omer – Konzepte für ohnmächtige Eltern