Athletes on Air – Anika Deubler

Wenn aus einem Traum ein Weg wird

Anika Deubler ist 18 Jahre alt, Weltmeisterin im Nachwuchsbereich und bereits jetzt zum ersten Mal im Erwachsenenbereich ganz vorne angekommen. Doch hinter ihren Erfolgen steckt weit mehr als Talent – eine klare Entscheidung für ihren Traum, unzählige Trainingsstunden und der Mut, dafür ihre Heimat und ihre Familie zu verlassen.

Wenn sie heute an ihre Saison 2026 zurückdenkt, kommt ihr ein Tag und ein Erlebnis ganz besonders in den Sinn. „Das war der beste Tag meines Lebens“, erzählt die 18-jährige Kletterin. Ein Moment, den sie wohl noch lange mit sich tragen wird. Bei der Jugend-Weltmeisterschaft hatte sie sich zuvor bereits in der Qualifikation und im Semifinale durchgesetzt und die beiden Vorrunden für sich entscheiden können. Ihr Ziel für das Finale war klar, noch einmal alles geben und ganz oben stehen. Der große Traum vom Podest war bereits zum Greifen nah. Dann kam der entscheidende Moment … Doch Anika fiel im Finale frühzeitig von der Wand und war überzeugt, keine perfekte Leistung gezeigt zu haben. Erst ihre Trainerin machte ihr klar, was tatsächlich passiert war – Anika ist Weltmeisterin.

„Ich konnte es kaum glauben“, erinnert sie sich. Ihre Familie und ihr gesamtes Team waren vor Ort und konnten diesen besonderen Augenblick gemeinsam mit ihr feiern. Ein Erfolg, der für Anika weit mehr bedeutet als eine Medaille. Er ist die Bestätigung für einen Weg, den sie nun schon viele Jahre konsequent verfolgt. Denn Anika hat für ihren großen Traum sogar ihre Heimat und ihre Familie verlassen, denn ihr Weg begann eigentlich in Bad Goisern in Oberösterreich. Das Klettern wurde ihr ein wenig in die Wiege gelegt, denn ihr Vater kletterte selbst und nahm Anika und ihre Schwester schon früh mit an den Fels. Aus dem gemeinsamen Hobby wurde bald Leidenschaft und irgendwann der Wunsch, auch bei Wettkämpfen ganz vorne mitzuklettern. Doch den mit steigenden sportlichen Ansprüchen bei Wettkämpfen stiegen auch die persönlichen Anforderungen an das Training. Anika merkte schnell, dass die Möglichkeiten in ihrer Heimat für den nächsten Schritt nicht mehr ausreichten. Deshalb ging Anika direkt nach der Hauptschule, mit nur 14 Jahren, zunächst nach Salzburg und lebte dort im Internat. Wenige Jahre später führte ihr Weg nach Innsbruck, wo sie heute lebt und optimale Trainingsmöglichkeiten vorfindet. Für diese Trainingsmöglichkeiten und ihren sportlichen Traum war sie bereit, ihre Komfortzone zu verlassen. „Eigentlich bin ich schon ein sehr familiärer Mensch und bin sehr gerne zuhause“, erzählt sie. Trotzdem wusste sie, warum sie diesen Weg gehen wollte.

Diese Entscheidung steht beispielhaft für das, was hinter einer erfolgreichen Karriere im Sport oft verborgen bleibt … Nicht nur Training entscheidet darüber, wie weit man kommt. Es braucht auch die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen und neue Wege zu gehen. Heute trainiert Anika rund 24 Stunden pro Woche, zwei Krafttrainings und fünf bis sechs Klettereinheiten stehen regelmäßig auf dem Programm. Dazu kommen zahlreiche nationale und internationale Wettkämpfe im Jugend- und Erwachsenenbereich.

Doch trotz dieses straffen Zeitplans definiert sich Anika nicht ausschließlich über den Leistungssport und ihre Erfolge. Sie ist auch gerne mit Freunden unterwegs, die selbst nichts mit Leistungssport zu tun haben. Wenn sie nach Bad Goisern zurückkommt, taucht sie bewusst in das Leben ihrer Freunde und ihres Umfelds außerhalb des Sports ein. „Dort sieht man immer beide Seiten“, beschreibt sie. Das Leben außerhalb des Spitzensports hilft ihr dabei, ihren eigenen Weg immer wieder bewusst wahrzunehmen. Und gleichzeitig weiß sie genau, welchen Weg sie für sich gewählt hat und auch warum.

Doch was viele von außen nicht sehen: Der Weg zu einem Weltmeistertitel besteht nicht nur aus den großen Momenten auf dem Podium. „Viele können gar nicht einschätzen, wie viel Arbeit tatsächlich dahintersteckt und, dass man wirklich dafür brennen muss“, sagt Anika. Man müsse es selbst wirklich zu 100% wollen, sonst hätte auch sie die großen Schritte, wie den Abschied von zuhause, nicht geschafft. Auch die Organisation ihres gesamten Alltags verlangt Disziplin, denn auch die Schule ist eine Herausforderung. Schule und Leistungssport unter einen Hut zu bekommen, ist zeitaufwendig und verlangt viel Organisation. Mit dem SportBORG Innsbruck steht ihr aber eine Schule zur Verfügung, die Anika auf diesem Weg bestmöglich unterstützen kann und möchte. Dies ist besonders wichtig, denn Anika möchte weder beim Training Abstriche machen, noch die schulischen Anforderungen aus den Augen verlieren. Hier zeigt sich erneut der Ehrgeiz und Perfektionismus, den die junge Athletin mitbringt. Beide Eigenschaften tragen sicher einen großen Teil zu ihren Erfolgen bei. Denn selbst nach einem perfekten Wettkampf findet Anika Dinge, die sie noch verbessern kann. Sie analysiert ihre Leistungen genau und nimmt aus jedem Bewerb etwas für den Nächsten mit.

„Ich will einfach immer besser werden. Insbesondere in der Zeit, als ich im letzten Jahr verletzt war, habe ich gemerkt, dass man aus Allem etwas mitnehmen kann.“ Das ist natürlich auch noch ein Punkt, der besonders bemerkenswert ist. Die Saison 2026 hat keineswegs mit der Gewissheit begonnen, ganz vorne landen zu können, sondern konnte eher als ein großes Fragezeichen betitelt werden. Das Jahr davor war von einer Verletzung geprägt und Anika konnte keinen einzigen Wettkampf bestreiten. Wo sie nach dieser langen Pause sportlich stehen würde, wusste sie selbst nicht. Doch Wettkampf für Wettkampf kam das Vertrauen zurück und die guten Leistungen gaben ihr Orientierung. Sie lernte, welche Abläufe, Gedanken und Routinen ihr helfen, sich vor und während eines Wettkampfs optimal zu fühlen. 2026 war für sie deshalb nicht nur das Jahr ihres Weltmeistertitels, welcher ihr zusätzliches Selbstvertrauen gegeben hat. Es war auch ein Jahr der persönlichen Entwicklung. Gerade mental machte sie einen großen Schritt nach vorne. Sie lernte, mit Druck und schwierigen Situationen umzugehen, auf die eigenen Gefühle zu hören und ihren eigenen Weg zu verfolgen. „In diesem Jahr bin ich in meinem Kletterleben älter und reifer geworden und ich konnte mir die Bestätigung abholen, dass sich die harte Arbeit der vergangenen Jahre ausgezahlt hat.“, sagt sie.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Lektionen aus ihrer bisherigen Karriere. Erfolg beginnt nicht erst auf dem Podest, er beginnt viel früher … bei der Entscheidung, ein Ziel wirklich zu verfolgen, bei den vielen Stunden Training, bei Rückschlägen, Zweifeln und den Momenten, in denen man trotzdem weitermacht. Anika hat dafür ihre Heimat verlassen. Sie hat nach einer Verletzung neu begonnen. Sie hat gelernt, mit Druck umzugehen und sich selbst immer wieder zu hinterfragen. Und sie hat in diesem Jahr erlebt, wie sich ein großer Traum tatsächlich anfühlt.

Ihr bisheriger Weg zeigt, was möglich wird, wenn Talent auf Leidenschaft, harte Arbeit und Konsequenz trifft. Und wenn Anika dann eines Tages auf ihre Karriere zurückblickt, möchte sie nicht nur an die Medaillen denken, sondern auch die schwierigen Momente sollen dazugehören. Denn genau daraus entsteht für sie etwas, auf das man dann wirklich stolz sein kann.

Ihre Botschaft an die nächste Generation ist deshalb klar: „Man kann alles schaffen, wenn man es wirklich will.“

Liebe Anika, vielen Dank für dieses tolle, spannende und sehr lehrreiche Interview! Wir wünschen dir viel Erfolg & dass auch alle weiteren Träume in Erfüllung gehen!

 

KURZ & KNACKIG:

Name: Anika Deubler
Jahrgang: 2008
Sportart: Klettern
Verein: WKV alpenalpin Wallstars
Disziplin: Lead
Stärken: Ehrgeiz, starker Wille, Lässigkeit
Hobbies: andere Sportarten auszuprobieren
Vorbilder: Jakob Schubert, Janja Garnbret, Jakoba Rauter

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https://www.instagram.com/deubler.anika/?hl=de

Bilder: Dody Ketyi, Mathew Uhlik, Heiko Willhelm, outhere_collective, italiaclimbing